Wenn die Trommler verstummen, die gegnerischen Fans sich zum Applaus erheben, dann muss schon etwas gravierendes passiert sein.

So geschehen am letzten Samstag in der Barleber Mittellandhalle, als der Meisterschaftsfavorit vom BSV 93 Magdeburg mit 27:22 gegen eine Barleber Rumpftruppe gewann.

Aber der Reihe nach. Bereits wenige Tage vor dem Spiel war im Barleber Lager klar, dass man nur mit 8 Leuten, davon 2 Torhüterinnen in ein Spiel gehen wird, was einer jeder Spielerin alles abverlangen würde. So oder so ein schweres Spiel, auch wären da noch 5 weitere Spielerinnen anwesend gewesen. Die BSV-Damen konnten alle ihre Spiele mehr als deutlich, so auch vor Wochenfrist gegen den ärgsten Konkurrenten aus Biederitz, gewinnen. Marie Hermes ist hier mit ihrer langjährigen Erfahrung in der Mitteldeutschen Oberliga die Schlüsselspielerin. Mit einem Torschnitt von fast 13 Toren pro Spiel, schießt sie die Gegner fast im Alleingang ab. Man wusste also, was auf einen zukommt. Doch leider gesellten sich zu den 8 Spielerinnen, 2 kurzfristige Absagen. Da stand man nun, 4 Stunden vor Anpfiff, mit 4 Feldspielerinnen, vor dem Dilemma und auch der moralischen Entscheidung: "Zu sechst spielen und so dermaßen den Hintern versohlt bekommen, oder lieber auf "nicht spielfähig" machen?" Die Punkte waren angesichts der Spielerliste vor Spielbeginn bereits verloren. Für eine kurzfristige Spielverlegung waren die Verantwortlichen des BSV zu dieser Zeit leider nicht erreichbar. Auch im direkten Gespräch etwa 2 Stunden vor Anpfiff wollte man einer Verlegung nicht zustimmen. Und so war es dann der #sechserpack des Barleber HC, der sich aufmachte, in einem besseren Testspiel gegen den Meisterschaftsfavoriten die Knochen hinzuhalten. Trainer Marco Lindau stand emotional noch immer zwischen Wut und Enttäuschung sowie Hoffen und Bangen, dass sich nicht noch jemand verletzt, in einem Spiel, in dem es nur um die Höhe der Niederlage geht.

Und so bot sich den vielen Zuschauern in der Halle doch ein abstruses Bild. Sophie Brinkmann, ihres Zeichen Torhüterin, steht mit ihren 4 Mitspielerinnen auf dem Feld und startete das Spiel. 6 Barleberinnen begannen nun 60 Minuten der Ungewissheit. Stephanie Blume, mit 10 Treffern, die erfolgreichste Spielerin beider Mannschaften an diesem Tage, sagte nach dem Spiel: "Vor dem Spiel war ich stinksauer. Die ersten 5 Minuten waren mir das alles auch noch so peinlich, und dann das...“ Was meinte sie mit "Das"? Es ist noch immer schwer in Worte zu fassen, was in diesem Spiel passierte. In der 3. Minute ging der #sechserpack mit 1:0 in Führung. 2 weitere Minuten dauerte es, bis die Gäste erstmalig einnetzen konnten. 1:1 nach 5 Minuten. Nach 7:30 Minuten erst 1:2 aus Sicht der dauerhaft in Unterzahl spielenden Barleberinnen. Viele Zuschauer rieben sich bereits jetzt die Augen. Nichts war zu sehen, von einer klaren Dominanz der Neu-Olvenstedterinnen. Vielmehr machten die Gastgeberinnen das Spiel. Mit 5 Angreiferinnen war klar, dass man keine tollen Ballstaffette erwarten durfte, aber sie trotzten dem Ganzen. Einfache Anspiele, klare Torchance, nur wenig Fehlwürfe hielten die BHC-Damen immer in Schlagdistanz, gleichwohl dem Wissen, dass der 93er bei Bedarf immer wieder wechseln würde. Und das taten sie auch. Gefühlt im Minutentakt brachte das Trainergespann Schaake/Eckstein frische Kräfte. Und die Barleberinnen? Über jede Unterbrechung erhaben. Die erste gab es dann bei einem Stande von 4:2 für den Meisterfavoriten nach 10 Minuten. Richtig gelesen, 4 Gegentore in 10 Minuten. Besser geht es nicht. Garant hier war eine Abwehrleistung, von der man noch Wochen später sinnieren wird. Aber auch beide Torfrauen, die sich alle 10 Minuten zwischen Tor- und Feldspieler abwechselten, kauften bereits im ersten Abschnitt den Schneid der BSV-Damen ab und bildeten eine ominöse Aura um das Gebälk. Kurz vor der Pause, man kann es nicht anders sagen, kam es dann zu einem Arroganzanfall, den man so auch noch nie gesehen hat. Konterlauf des BSV, eigentlich ein einfaches klares Tor, doch Sarah Güllmeister hat nichts Besseres zu tun, als den Ball der hinter ihr mitlaufenden und völlig überraschten Marie Hermes zu servieren, die dann im Abschluss scheiterte.

Wir wissen nicht, was in der Halbzeit auf Seiten des BSV gesagt wurde, aber wir denken, es war sicher nicht so ruhig und entspannt, wie in der Kabine der Barleberinnen. 9:15 aus deren Sicht zur Pause. Der Tabellenführer zu Gast, der unendlich viele Möglichkeiten liegen lässt. Laut Spielbericht der Magdeburgerinnen, ganze 37 Fehlwürfe. Aber auch ein eigener Angriff, der sich nicht nur wacker schlägt, sondern auch mit Kombinationen und tollen Einzelaktionen aufwarten kann. Die Ansprache hielt sich verhältnismäßig kurz. Lediglich der Apell, das zu erwartende Tempo nicht mitzugehen, die Kräfte so gut es geht zu schonen, und keine unnötigen Zeitstrafen einzuhandeln.
Bereits vor dem Spiel stellten die Barleberinnen sich selbst das Ziel, unter 20 Toren Differenz zu bleiben. Mit einer tollen Leistung im ersten Abschnitt und einer halbwegs konzentrierten Leistung in den letzten 30 Minuten, ist das Ziel mehr als greifbar gewesen.

Während nun alle Zuschauer davon ausgingen, dass die Gastgeberinnen einbrechen und ein Konterfestival folgte, musste sich leider mit einer kämpferischen Leistung des #sechserpack trösten. Nach 10 Minuten das erste BHC-Time-Out. Ein Time-Out, nicht dafür, den Lauf des Gegners zu stoppen, sondern allen eine Verschnaufpause zu gönnen. Sophie Brinkmann, die wenige Sekunden zuvor per Strafwurf ihren ersten Saisontreffer markierte, kehrte zurück ins BHC-Gehäuse. Gina Lindau ging als Kreisspielerin aufs Feld und wurde direkt vom Mittelblock verbarrikadiert. Dies machte es für die drei Stefanies im Rückraum einfacher, in den Duellen "Frau gegen Frau" sich erfolgreich durchzusetzen und abzuschließen. Auch Sophie Gabriel auf der Linksaußenposition kam nun immer häufiger in eine aussichtsreiche Wurfsituation. Leider fehlte hier das Quäntchen Glück. Der BSV versuchte nun alles, um sich aus dieser kleinen Blamage, zu befreien. Doch weiterhin hielt die Abwehr dem Druck stand und auch die "Aura" der Torfrauen versagte im 2. Abschnitt nicht. Leidglich auf 7 Tore (11:18, 38. - 15:22, 47.) konnten die Gäste davonziehen. Selbst die insgesamt 3 Zeitstrafen für die Gastgeberinnen, in einer fair geführten Partie mit nur wenig Nickligkeiten, führten nicht dazu, dass der BSV sich wirklich entscheidend absetzen konnte. Im Gegenteil. Diese 6 Minuten doppelter Unterzahl gingen mit 4:2 Toren an den #sechserpack.
Dieses #sechserpack hat das Spiel auf den Kopf gestellt. Wurde von den eigenen Fans bei jeder gelungenen Aktion immer wieder frenetisch gefeiert. Etwa 10 Minuten vor dem Ende, verstummten dann auch die Trommler der Gäste. Gelungene Aktionen, oder starke Paraden der Barleber Torfrauen erhielten anerkennenden Applaus der Gästefans.

Am Ende steht einer Niederlage von 22:27 zu Buche. Eine Niederlage, die wahrscheinlich auch mit eigener voller Kapelle zu erwarten gewesen wäre. "Ich bin unheimlich stolz auf meine 6 Damen, die sich der Verantwortung gestellt haben und das Spiel ordentlich nach Hause gebracht haben. Ja, viel Wut hatte ich zu Beginn des Spieles, wenn ich sehe, dass unser Kader 18 Spielerinnen umfasst und wir hier mit 6 Leuten antreten. Was die Mannschaft dann aber abgeliefert hat, unbeschreiblich. Ich denke, wir sollten jetzt immer zu sechst spielen." sprach Trainer Marco Lindau kurz nach dem Spiel, dessen Mannschaft die 2. Halbzeit sogar mit einem Tor für sich entscheiden konnte. Das 93er Trainergespann war für ein Statement nach dem Spiel nicht zu erreichen.

Des einen Freud, ist des anderen Leid. Soviel positive Energie nach diesem Spiel, soviel aufmunternde, anerkennende Worte von den Zuschauern und Vereinsmitgliedern gilt es nun zu bewahren und mit in das nächste Spiel zu nehmen. Direkt am nächsten Samstag kommt es zum Duell des ewigen Rivalen aus Biederitz. Die Niederlage im Nordpokalfinale ist noch nicht vergessen, doch aktuell schaut man eher auf die eigenen Reihe. Zu wackelig ist im Moment die Personalsituation der Barleberinnen. Aber wer weiß, vielleicht macht sich der #sechserpack erneut auf, Geschichte zu schreiben.

BHC: Lindau (1), Gabriel (2), Brinkmann (1 – 1/0), Schmidt (4 – 0/1), Blume (10), Kobilke (4 – 0/1)